January 12, 2012
Die Menschen im Zeitalter ihrer Überflüssigkeit

Im ihrem Aufsatz “Wegwerfbeziehungen. Versuch über die Zerstörung der Gebrauchswerte” zeichnen Wolfgang Pohrt und Michael Schwarz eindrucksvoll einen Sozialcharakter nach, der heute noch - 38 nach ercheinen des Textes - mehr denn je anzutreffen sein dürfte:

Diese merkwürdige “Nichtexistenz” ist nach einer Vermutung Horckheimers aus dem Jahre 1939 das universelle Schicksal der Menschen, falls sie nicht in den logischen Gang der Geschichte intervenieren: “Im Spätkapitalismus verwandeln sich die Menschen zuerst in Unterstützungsempfänger und dann in Gefolgschaften”; in diese Verfassung gerät der Mensch “durch seine steigende Entbehrlichkeit, durch seine Trennung von der produktiven Arbeit, durch das dauernde Zittern um die erbärmliche Notstandshilfe im Zeitalter der großen Industrie.” Die Menschen werden Rentner und Zwangsarbeiter in einem, deren materielle Existenz sich nicht aus einem unverbrüchliche, Rechtsanspruch auf das Entgelt für ihre Arbeitskraft herleitet, sondern als Gnadenerweis, als jederzeit widerrufbare Gratifikation empfunden wird. Daher selbst bei gutsituierten Angestellten die tiefsitzende Angst vor Hunger und Elend, welche die zentrale Energiequelle aller Unterwürfigkeit und manischen Anpassung ist. Die staatliche Arbeitsbeschaffungsprogramme lassen alle Tätigkeiten tendenziell Beschäftigungstherapie werden, und die damit einhergehende Zerstörung der Gebrauchswerte nimmt deren Produzenten Selbstbewußtsein und Funktion. Das Wertgesetz wirkt nach seinem Untergang negativ und als reiner Zwang fort: Ohne Arbeit bekommt man kein Geld, aber mit Arbeit hat man es noch lange nicht verdient. Arbeit, die selbst nur noch Leiden und Unterdrückung, die Hinnahme der eigenen Entwürdigung zum kindischen Produzenten von überflüssigem Unfug, die Verhinderung selbstbestimmter und vernünftiger Tätigkeit ist, wird zur Bedingung dafür, daß die Herrschenden einen aushalten. Daher wird bei der Arbeit die Langeweile zur furchtbaren Tortur: das ewige Warten auf die Frühstückspause, die Toilettenpause, die Mittagspause und schließlich den Feierabend - ein Warten, das fast noch quälender wird, wenn der Produktionsablauf ins Stocken gerät und man untätig herumsteht.

Im Weiteren wird beschrieben, wie sich “die universelle Tendenz des Kapitals, die Menschen zu überflüssigen, wirr vor sich hin brabbelnden Rentnern zu machen, die einander weder ernst nehmen, noch verstehen, noch wirklich lieben oder hassen können, unter der Maske des antiautoritären Protests gegen das Leistungsprinzip in die Studentenbewegung selbst eingeschlichen” hat.

Vom Bezug auf vernünftige Tätigkeit gelöst, werden Arbeit und Freizeit zu einem unernst tristen Einerlei. […] Seit die Herrschaft des Kapitals kaum noch inhaltlich, sondern nun mehr negativ bestimmbar ist als Zwang, nichts Ernsthaftes und Vernünftiges zu tun, sind vernunftloser Genuß und sinnliche Freuden nicht mehr identisch mit der selbstherrlichen Emanzipation der Menschen von notwendiger Arbeit unter der ständigen Drohung des Verhungerns und deren naturgesetzlich unbarmherziger Logik. Als Unterwerfung unter die Willkür der Apparate, welche die Menschen nur als Witzfiguren in einem Betätigungsfeld duldet, das den großstädtischen Spielplätzen ähnelt, wird die Genußfähigkeit selst kraftlos und verkümmert. Daß der terroristische Zwang zum Genuß, nämlich die Reklame, über diesen selbst triumphiert, ist daher nur konsequent. Deshalb der Widerspruch, daß einerseits […] die Sexualität propagiert wird wie nie zuvor, andererseits selbst die Darsteller in den einschlägigen Filmen schon auf den Standphotos so aussehen, als säße sie besser hinter der Schreibmaschine, er besser hinter dem Lenkrad, und somit dem heute repräsentativen Menschentypus gleichen, den man sich in allen Situationen des Lebens ganz gut vorstellen kann, nur eben bei der Liebe nicht. In der Kraftlosigkeit, mit der selbst die falschen und fetischistischen Bedürfnisse ersehnt werden, liegt gerade ihre Macht. Weil der an sich maßlose abstrakte Konsumwunsch unfähig ist, sich zur Besessenheit zu entwickeln, treibt er nicht zu der Schwelle fort, an der er seines Irrsinns inne werden müßte. Deshalb bringt selbst die Putzwut es nicht auf den Punkt, wo schließlich auch die Menschen selbst im desinfizierenden Salzsäurebad ihr Leben lassen - oder aber in Gelächter über den Wahnwitz ausbrechen müßten. Das wunschlose Unglücklichsein, worin gegenwärtig alle Begeisterung getaucht ist, ist der Grund, weshalb aus Technikfetischisten, Fußballfanatikern und Bastlernarren keine rabiaten Käutze und potentielle Revolutionäre werden, sondern verträgliche Zeitgenossen.

Wolfgang Pohrt u. Michael Schwarz: Wegwerfbeziehungen. Versuch über die Zerstörung der Gebrauchswerte.

In: Kursbuch 35. Verkehrsformen. 1 Frauen Männer Linke. Über die Schwierigkeiten ihrer Emanzipation; Rotbuch Verlag, Berlin, 1974

November 28, 2011
Bittermann über Pohrt

In einem aus dieser Veranstaltung heraus entstandenen Buch
ergriff Pohrt die Gelegenheit, die Positionen der sogenannten “Antideutschen” zu
kritisieren, als deren Ikone und theoretischer Protagonist er galt, und zwar mit dem
Hinweis, daß jede Wahrheit einen Zeitkern hat, also nur gültig ist unter bestimmten
gesellschaftlichen Bedingungen. “Manche Leute freut es, wenn sie von sich behaupten
können, sie hätten es schon immer gesagt. Mir geht es weniger um die Ewigkeit als den
richtigen Zeitpunkt. Deshalb gefällt es mir, dass ein umfangreicher Teil meines 1992
erschienenen Buches ›Das Jahr danach‹ die Ausländerverfolgung anprangert. Und aus
dem gleichen Grund wäre es mir nicht angenehm, wenn dieser Text unkommentiert jetzt
wieder erschiene, wo sein Charakter der eines Mit-den-Wölfen-Heulens wäre.” Als 1991
in Rostock-Lichtenhagen das Wohnheim für Ausländer in Brand gesteckt wurde, hatte der
Staat auf der ganzen Linie versagt. Zehn Jahre danach sah die Sache anders aus:
“Antisemiten und Rassisten werden bekämpft, weil man sie benötigt. Sie werden
gebraucht, weil sie so was wie der Dreck sind, an welchem der Saubermann zeigen kann,
dass er einer ist. Sie werden gebraucht, damit Schröder die von ihm geführten Raubzüge
der Elite als ›Aufstand der Anständigen‹ zelebrieren kann. Sie werden gebraucht, weil
die Ächtung von Antisemitismus und Rassismus das moralische Korsett einer Clique sind,
die sich sonst alles erlauben will, jede Abgreiferei, aber wie jeder Verein für ihren
Bestand Verbote und Tabus benötigt.”

[…]

Damit hatte sich Pohrt wieder einmal der politischen Einvernahme durch die Linke,
bzw. einer ihrer Fraktionen, entzogen. Er hatte die letzten Bewunderer vor den Kopf
gestoßen und die letzten Drähte gekappt. Und er hat dies getan, ohne sich neue Freunde
zu schaffen. Er hat sich von der Restlinken verabschiedet, ohne sich ins bürgerliche
Lager zu retten, indem er keinen Zweifel darüber aufkommen ließ, was er von diesem
hält.

November 28, 2011
Klaus Bittermann über Wolfgang Pohrt

Bei allen damals hochkochenden Debatten war Pohrt nicht fern. Als Broder 1984 von
Alice Schwarzer als “militanter Jude” stigmatisiert wurde, mit dem kein Mitglied der
Emma-Redaktion Kontakt haben durfte, regte Pohrt die Herausgabe einer Anthologie an
“über das Verhältnis der Linken zum Antisemitismus”, in der - wäre das Buch zustande
gekommen - die besten und verhaßtesten Polemiker der Zeit versammelt gewesen
wären: Pohrt, Schultz-Gerstein, Broder und Eike Geisel. Es gab jedoch genügend andere
Anlässe und Gelegenheiten, sich mit diesem Problem zu befassen, welches darin bestand,
daß die Linken “weder den Nationalsozialismus noch Auschwitz begriffen hatten,
weil sie ersteren mit einem besonders tyrannischen Regime und letzteres mit einem
besonders grausamen Blutbad verwechseln (und) deshalb haben sie die Hoffnung nicht
aufgegeben, das Unrecht, welches sie anderswo entdecken, könne Deutschland
entlasten.” Bei den Linken, deren Liebe zu den Palästinensern besonders heftig brannte,
ließ sich diese Entlastung für Deutschland besonders schön beobachten: “Dreihundert von
der südafrikanischen Polizei in Soweto erschossene Schüler kümmern niemand. Drei
erschossene Schüler in Hebron machen die westdeutsche Linke vor Empörung fassungslos.
Die Unterdrückung und Verfolgung der Palästinenser durch Israel wird so genau
beobachtet und so leidenschaftlich angeprangert, weil sie beweisen soll: es gibt keinen
Unterschied.” Dieses Nicht-Begreifen der deutschen Geschichte leistete einem Denken
Vorschub, welches jedes Massaker, das einem politisch in den Kram paßte, mit Auschwitz
gleichsetzte, um unter der Flagge von Humanität und Menschenrechten staatliche
Souveränität mißachten und Kriege anzetteln zu können. Die deutsche Linke hatte dafür
die Argumente geliefert, die die rot-grüne Regierung im Bürgerkrieg in Jugoslawien nur
noch zu übernehmen brauchte.
Am 1. November 1983 hielt Pohrt im großen Saal der Berliner “Akademie der Künste”
vor ca. tausend Zuhörern einen Vortrag über den “Krieg als wirklichen Befreier und
wahren Sachwalter der Menschlichkeit”. Anschließend gab es eine Diskussion mit dem
Friedensbewegten Fritz Vilmar und dem ehemaligen Frankfurter Sponti und RK-Mitglied
Thomas Schmid, der heute als konservativer Leitartikler die Öffentlichkeit vor linken
Irrtümern warnt. Das Publikum war so gespalten wie das Podium, und Pohrt war in
seinem Element. Die heftigen Reaktionen ließen ihn zur Höchstform auflaufen, und je
mehr es im Saal brodelte, desto spöttischer und beißender wurden seine Diskussionsbeiträge.
Nichts war ihm unangenehmer als eine regungslos dasitzende Zuhörerschaft, und
deshalb begann er jeden Vortrag, den er immer nur einmal hielt, mit einer auf die
Veranstalter und die Themenstellung gemünzten provozierenden Anmerkung, um gleich
etwas Leben in die Bude zu bringen. Das setzt jedoch immer ein Publikum voraus, das
uneins ist und sich zumindest teilweise auf die Seite Pohrts schlägt.

November 27, 2011
"

Er hält der Gesellschaft nicht die Moral entgegen; bloß ihre eigene. Das Medium aber, in dem sie sich überführt, ist die Dummheit. An ihr erweist er, wie wenig die Gesellschaft es vermochte, in ihren Mitgliedern den Begriff des autonomen und mündigen Individuums zu verwirklichen, den sie voraussetzt. Vom Moralisieren ist er entbunden, weil er darauf deuten kann, wie jegliche Gemeinheit als Schwachsinn anständiger Leute sich durchsetzt, Index seiner eigenen Unwahrheit. Darum auch die Witze; sie konfrontieren den herrschenden Geist mit seiner Dummheit so unmittelbar, daß ihm das Argumentieren vergeht und er geständig wird als das, was er ist.
[…]
Das stärkste Mittel jedoch, mit dem Kraus die Richter richtet, ist das strafende Zitat, nicht zu vergleichen dem Beleg für irgendwelche Vorwürfe. Das Kapitel ,Ein österreichischer Mordprozeß’ reiht auf vier Seiten wörtlich kommentarlos Stellen aus der Verhandlung gegen eine des Totschlags Bezichtigte aneinander. Sie übertreffen jede Invektive. Sein Sensorium muß so früh wie 1906 vorausgefühlt haben, daß vorm Maß der subjektiven Unmenschlichkeit in der objektiv verhärteten Welt das subjektive Zeugnis wider sie versagt; nicht minder aber auch der Glaube, die Tatsachen sprächen rein gegen sich. Kraus ist mit dem Dilemma genial fertig geworden. Seine Sprachtechnik hat einen Raum geschaffen, in dem er ohne etwas dazu zu tun, Blindes, Intentionsloses und Chaotisches strukturiert wie ein Magnet eisernen Abfall, der in seine Nähe gerät.

Ganz konnte diese Fähigkeit von Kraus, für die es kaum ein anderes Wort gibt als das peinliche ‘dämonisch’, nur ermessen, wer noch die originalen roten Hefte der ‘Fackel’ las. Dort reichte schließlich das bloße Zitat eines Namens hin, verzweifeltes Lachen auszulösen. Noch im Buch ist etwas davon übriggeblieben. Wenn heute die Scham des Wortes vor einem Grauen, welches überbietet, was Kraus in trivialen Sprachfiguren vorausfühlte, bei literarischen Darstellungen zur Montage sich gedrängt sieht, anstatt Unsagbares vergeblich zu erzählen, so tastet das nach der Konsequenz dessen, was Kraus gelang. Er ist vom Schlimmeren nicht überholt, weil er im Mäßigen das Schlimmste erkannte, und indem er es spiegelte, es enthüllte. Mittlerweile hat sich das Mäßige als das Schlimmste erwiesen; der Spießer als Eichmann; der Erzieher, welcher die Jugend anhärtet, als Boger.

"

Theodor W. Adorno über Karl Kraus: “Sittlichkeit und Kriminalität”

(Source: spiegel.de)

November 13, 2011
"Das Spiel ist freilich eines, bei dem jeder irgendwann aus der Rolle des Zuschauers in die des Sterbenden wechseln muss, und die Angst eben davor zu übertönen, ist sein Sinn. Hinter der frivolen Plauderei über den Tod steckt die das Grauen vor ihm, wie die Katastrophenmeldung tiefe Befriedigung bewirkt, weil sie dem Empfänger bestätigt, daß er zu den Davongekommenen gehört und es wenigstens diesmal noch, andere sind, die ihr Leben verloren haben. Eigentlich laufen die Menschen unentwegt vor sich selber weg, weil sie den Tod fürchten, der ihnen aussem, was sie berühren, entgegengrinst.
[…]
Nie ist der körperliche Verfall ein Vergnügen, aber zur furchtbaren seelischen Qual und ein Grund, mittels Gymnastik und Diät dagegen anzukämpfen, wird er erst, wenn er unter der Kategorie des Sterbens begriffen wird. Weil alles Leben zugleich körperlicher Verfall ist, verwandelt das ganze Leben, das Lebens selbst, sich dann in einen endlosen Tod […]."

— Wolfgang Pohrt: Brothers in Crime. Die Menschen im Zeitalter ihrer Überflüssigkeit. Über die Herkunft von Gruppen, Cliquen, Banden, Rackets und Gangs; Edition Tiamat, Berlin 1997, S. 144 f.

October 13, 2011
"Statt zu fragen, wofür wir leben, fragen wir uns nur noch, wie wir möglichst lange leben beziehungsweise überleben können - gemäß den nunmehr völlig fraglos verabsolutierten Prinzipien wie Gesundheit, Sicherheit, Nachhaltigkeit und - vor allem - Kosteneffizienz. Dies ist nicht allein ein Stück Torheit - gemäß den Worten des Epikur, wonach der Weise niemals das größte Brot wähle, sondern immer das süßeste. Wir begehen damit vielmehr genau das, was in den Augen des römischen Satirikers Juvenal die schlimmste ethische Verfehlung darstellte. Er schrieb: ›Betrachte es als den größten Frevel, das nackte Leben höher zu stellen als die Scham. Und um des Lebens willen die Gründe, für die es sich zu leben lohnt, zu verlieren.‹"

— Robert Pfaller, »Wofür es sich zu leben lohnt. Und was uns das vergessen lässt: Über-Ich, Narzissmus, Beuteverzicht«, in: Christoph Menke und Juliane Rebentisch (Hg.): Kreation und Depression. Freiheit im gegenwärtigen Kapitalismus, Berlin 2010, S. 193.  (via diesebastionbehrisch)

(Source: edsminorplace, via diesebastionbehrisch)

September 27, 2011
"

Insofern ist die Mode, weil sie eben nur, dem Rechte vergleichbar, das Äusserliche des Lebens ergreift, nur diejenigen Seiten, die der Gesellsc…haft zugewandt sind - eine Sozialform von bewunderungswürdiger Zweckmässigkeit.

Sie gibt dem Menschen ein Schema, durch das er seine Bindung an das Allgemeine, seinen Gehorsam gegen die Normen, die ihm von seiner Zeit, seinem Stande, seinem engeren Kreise kommen, aufs unzweideutigste dokumentieren kann, und mit dem er es sich so erkauft, die Freiheit, die das Leben überhaupt gewährt, mehr und mehr auf seine Innerlichkeiten und Wesentlichkeiten rückwärts konzentrieren zu dürfen.

"

— Georg Simmel: Philosophische Kultur
Alfred Kröner Verlag Leipzig, 1919 (2. Auflage), pp. 25-57.

September 26, 2011
Distinktion und Entgrenzung: Der Hipster als Sozialtypus (von Robert Zwarg; auf Beatpunk, 09/2011)

[…] Der Hipster ist ein Phantom der westlichen Metropolen. Linke Sozialwissenschaftler und ein kulturaffines Feuilleton versucht ihm verzweifelt Herr zu werden.4 Kaum jemand möchte dazugehören, doch alle kennen sie ihn; deswegen ist »Hipster« zunächst und vor allem ein Distinktionsbegriff. Auf Dutzenden Blogs, Stickern und Graffitis schlägt dem Hipster ein Ressentiment entgegen, das überrascht. So rät ein sogenanntes Berliner »Szenemagazin« seinen Lesern: »Niemals, niemals, niemals, darf man sich selbst als ’Hipster’ oder ’Scenester’ bezeichnen. Hipster müssen für den krampfhaften Versuch, ’cool’ oder ’in’ sein zu wollen, verachtet und verurteilt werden, da jeder Versuch auf das Defizit in ihrer Authentizität hinweist.«5 Eine falsche, ja, geheuchelte Individualität, eine simulierte Originalität werfen ihm jene vor, die im Sozialen wie im Kulturellen auf der Suche nach Ursprünglichkeit zu sein scheinen. Abneigung erfährt auch sein ausgeprägtes Spezialisten‑ und Geschmäcklertum. Als eine solche Negativfolie und Hassobjekt zeugt der Hipster vom Verfall der Subkulturen in den Metropolen. Die Kritisierenden und die Kritisierten – unterstellt man einmal, das beim Hipster der humanistische Wunsch jemand zu sein, tatsächlich vorhanden ist – behaupten und verteidigen, was die Kulturindustrie längst geschluckt hat. Was das Besondere verbürgen soll, ist vor allem der eklektische Rückgriff auf die Vergangenheit.

Dies geschieht allerdings nicht, weil Elemente der Tradition tatsächlich als der Rettung würdig befunden werden. Vielmehr erfolgt der Rückgriff, das modische Spiel mit dem Stil, vor allem vermittels der Kernattitüde der Postmoderne: der Ironie. Von außen betrachtet symbolisiert der Hipster den Beginn des 21. Jahrhunderts als Beliebigkeit und Entgrenzung. Im Fashion-Patchwork verschwimmt der Stil, der einst eine soziale Klasse markierte, um zur neuen Mode einer gebeutelten Mittelschicht zu werden. Plötzlich zieren sich die spätgeborenen Kinder mit dem Chic südstaatlerischer Rednecks: Truckermütze, metallne, großformatige Gürtelschnallen, Flanellhemd, Shirts von möglichst unbedeutenden Provinzcolleges oder kleinen Betriebe des mittleren Westens. In ironischer Äquidistanz dominiert eine ästhetische Androgynisierung. Nur in einem duldet der Hipster keine Ironie, in den Fragen des (vornehmlich Musik)Geschmacks.

Das ästhetische Kokettieren mit der Mode einer längst verschwundenen Arbeiterklasse reibt sich an der tatsächlichen Stellung des Hipsters zum Produktionsprozess. Waren Flaneur und Dandy – jene Figuren eines aufstrebenden und selbstbewussten Bürgertums, die Walter Benjamin so eindrücklich beschrieben hat–, noch der zum Sozialtypus geronnene Protest gegen die Produktivität, sind die Hipster des 21. Jahrhunderts einsame Konkurrenten um die letzten Anteile an einer sich verflüchtigenden Arbeitswelt. Die historische Bohème beruhte auf der durch Wohlstand freigewordenen Zeit für sich und für andere und stellte durch ihren offensiv präsentierten Müßiggang den Gegenpart zur aufstrebenden Bourgeoisie dar. Die Digitale Bohème, mit der der Hipster häufig assoziiert wird, war von Anfang an ein mehr oder minder effektiv verkleidetes Krisenphänomen. Weil ihnen wie so vielen anderen in jedem Moment der Absturz droht, stellen sie sich in ihrer Formbarkeit und Anschmiegsamkeit ganz in den Dienst der Produktion; nur darf es nicht so aussehen. Dass im Café arbeitet, wer sich kein Büro leisten kann oder wer auf den fragwürdigen Status des Freiberuflers zurückgeworfen ist, der üblicherweise mit einem kaum mehr zu bremsenden Ineinanderfallen von Arbeit und Freizeit bezahlt wird, verschwindet hinter dem Unabhängigkeitspathos der digitalen Bohemiens. Dass die Spiesser-Redakteurin sich dies nur durch Schmarotzertum erklären kann, zeigt nur, dass es ihr scheinbar nicht anders geht.

Als Phänomen einerseits und als Negativfolie anderseits befindet sich der Hipster einer ökonomisch-subjekttheoretischen Schnittstelle und nur das macht ihn eigentlich interessant: Als Objekt des Ressentiments und des Spotts führt der Hipster unweigerlich den Verfall von Individualität vor Augen. Der Hass auf dem Hipster scheint der Ahnung zu entspringen, dass gleichsam niemand mehr jemand ist, weswegen die unterstellte Pose des Hipsters umso mehr aufreizt. Er selbst ist nicht minder ein Sozialtypus in der Defensive, ein Kompensationsprodukt. Denn wo ökonomisch prekäre Verhältnisse sich immer mehr verallgemeinern und die Menschen einander immer mehr angleichen, dort bleibt dem Subjekt wenig mehr als die Pflege dessen, was gesellschaftlich irrelevant ist, seinem Geschmack. Dabei handelt es sich nicht nur um einen letzten Versuch, Individuum zu sein, sondern auch um die Hoffnung, gerade ein ausgeprägter Geschmack und die entsprechenden Sekundärtugenden Flexibilät, (Selbst)Organisationstalent und ein zielsicheres Manövrieren durch den Dschungel des Underground mögen schließlich die Pforten öffnen zu einer finanziell abgesicherten Existenz; nämlich im Business von Medien, Mode und Musik. […]

September 22, 2011
"

[…]
Ikonoklasmus und Bilderverbot

Aber, so ließe sich all dem entgegenhalten, ist denn der reformatorische Ikonoklasmus nicht gerade der Versuch einer Restitution des Bilderverbots, und sollte daher die Kritische Theorie, die aus dem jüdischen Bilderverbot ihren bedeutsamsten Impuls bezieht, dem Protestantismus nicht schon allein deshalb vor dem Katho­lizismus den Vorzug geben? Den Überlegungen Horkheimers, der sich dieser scheinbaren Affinität zwischen protestantischer Bilderfeindschaft und jüdischem Bilderverbot bewusst war, lässt sich entnehmen, dass der protestantische Bildersturm aus Sicht der Kritischen Theorie dem jüdischen Bilderverbot nicht näherkommt als eine dilettantische Parodie dem Original, geht es ihm doch gerade nicht um die Bewahrung des Anspruchs von Wahrheit im Modus der Unbildlichkeit, sondern um dessen Liquidation: »Der Protestantismus war die stärkste Macht zur Ausbreitung der kalten, rationalen Individualität. Vorher wurde im Bild des Kreuzes das Zeichen zugleich noch als Marterwerkzeug sinnlich unmittelbar angeschaut. Die protestantische Religiosität aber ist bilderfeindlich. Sie hat das Marterwerkzeug als unvertilgbaren Antrieb in die Seele des Menschen gesenkt, unter dem er nun die Werkzeuge der Aneignung von Arbeit und Lebensraum produziert. Die schlechte Verehrung der Dinge ist gebrochen und das Kreuz verinnerlicht, aber die Weltlichkeit, die dafür erstand, ist nun erst recht von den Dingen abhängig. Anstelle der Werke um der Seligkeit willen trat das Werk um des Werkes, (…) die Herrschaft um der Herrschaft willen; die ganze Welt wurde zum bloßen Material. (…) Von Leonardo führte kein anderer Weg zu Henry Ford als der über die religiöse Introversion.« (5/331)

Nur vulgärmaterialistische Deutungen suggerieren einen bloßen Widerspruch zwischen dem Beharren auf dem Vermögen der Vernunft und den theologischen Implikaten der Kritischen Theorie. Insofern Theologie antinominalistisch am Begriff und am Anspruch der Wahrheit festhält, begeht sie nicht von vornherein Verrat an den Intentionen der Aufklärung. Indem Marx postulierte, dass die Kritik der Religion die Voraussetzung aller Kritik sei, übersprang er gleichsam die konkrete Kritik an den einzelnen Bekenntnissen. Die Kritische Theorie geht in dieser Hinsicht skrupulöser vor. Indem sie die Konfessionen auf ihren zivilisatorischen Gehalt befragt, entgeht ihr ebensowenig, dass die Kritik der Religion dem Judentum als Bilderverbot und Monotheismus bereits innewohnt, die hebräische Bibel also selbst auf dem ältesten Impuls der Aufklärung beruht, wie auch, dass der katholische Antinominalismus dem emphatischen Bestehen auf der Wahrheit zumindest verwandt ist. Das Judentum indessen rangiert für Horkheimer geradezu als die Religion des Anti-Ressentiments: »Die unendlich verehrungswürdige Geschichte der Treue zum Bekenntnis im Angesicht von Hass und Verfolgung enthob die Juden des Ressentiments, das zutiefst die ihr Bekenntnis verratenden christlichen Massen erfüllt. Die relativ geringe Beteiligung der einzelnen Juden an Kriminalität ist eine der vielen Konsequenzen solchen Halts, eine andere die Fähigkeit zum Glück, in dem das Leid und die Trauer nicht vergessen sind.« (6/411)

In dem Unterschied zwischen jüdischem Bilderverbot, protestantischem Ikonoklasmus und katholischem Bilderreichtum reflektiert sich die verschiedene Haltung aller drei Bekenntnisse zum Eros. Dass die protestantische Bilderfeindlichkeit mit Verachtung profaner Sinnlichkeit einhergeht, deren Ansprüche das Judentum achtet wie keine andere Religion und der vom Katholizismus als Widerschein von Transzendenz immerhin ein gewisses Eigenrecht zuerkannt wird, hat besonders genau Max Weber gesehen, wenn er über Faust, der für ihn die gültige Verkörperung protestantischen Geistes ist, schreibt: »Die Behandlung Gretchens als einer Prostituierten und die Gleichwertung des mächtigen Waltens menschlicher Leidenschaften mit dem Geschlechtsverkehr gesundheitshalber, – dies beides entspricht durchaus dem puritanischen Standpunkt.« (11) Folgt man Weber, hat die Inferiorität des Protestantismus in erotischen Dingen programmatischen Charakter: »Die Berufsaskese muss jegliche Raffinierung zu einer Erotik ablehnen. Ihrerseits bezieht sie gerade die urwüchsig naturale, bäuerlich unsublimierte Geschlechtlichkeit in eine rationale Ordnung des Kreatürlichen ein: Alle ›Leidenschafts‹-Bestand­teile aber gelten dann als Residuen des Sündenfalls.« (ebd.) Bereits Nietzsche, dem der lustfeindliche Charakter des Protestantismus aus seiner Familie vertaut war, hat das Wesen von Luthers Reformation wie folgt bestimmt: »Definition des Protestantismus: die halbseitige Lähmung des Christentums – und der Vernunft.« (12) In der Reformation und ihrer Verachtung der sinnlichen Erscheinung witterte er ein fatales Bündnis mit allem bloß Naturwüchsigen: »Die Reformation: Eine der verlogensten Eruptionen von gemeinen Instinkten (…). Luther der psychologische Typus: ein wüster und uneigentlicher Bauer, der mit der ›evangelischen Freiheit‹ allen aufgehäuften und gewalttätigen Bedürfnissen Luft macht.« (13)

Im Christentum triumphierte Enthaltsamkeit in dem Maße, in dem die eschatologischen Hoffnungen erstarben. Vielleicht hat der Antisemitismus die Juden deshalb dort als triebhaft diffamiert, wo sie noch genussfähig waren, da der eschatologische Glutkern des Judentums niemals erloschen ist, während die Christen das Vorziehen der messianischen Erlösung mit dem Schwund der Erwartung bezahlten. Noch die libertine Erotik des 18. Jahrhunderts feierte die Verführung als eine der letzten zeremoni­ellen Formen, die inmitten der nachreformatorischen Welt überlebt hatten. Die abgründigen Phantasmagorien des Marquis de Sade, die Verworfenheit und Enthaltsamkeit zusammenführen, unterhalten gerade in ihrem häretischen Gestus eine innige Verbindung mit dem katholischen Ritual, wie Horkheimer und Adorno in der »Dialektik der Aufklärung« ausführen: »Juliette (…) vergottet die Sünde. Ihre Libertinage steht unter dem Bann des Katholizismus wie die Ekstase der Nonne unter dem des Heidentums.« (5/129) Die Libertinage ist Spielart eines säkula­risierten Katholizismus, dessen rituelle Formen den Naturzwang zivilisieren. Nichts hätte der Reformation, die ganz im Zeichen weltlichen Konformismus und unerbittlicher Triebunterdrückung steht, ferner liegen können.
[…]

"

Bemerkungen zur Affinität von Katholizismus und Kritischer Theorie von Carl Wiemer;
In:
Jungle World Nr. 36, 8. September 2011

September 21, 2011
Über die Affinität von Katholizismus und Kritischer Theorie

jungle-world.com - Archiv - 36/2011 - Dossier

September 10, 2011
Wonnegrausen: Klitzekleine Gattungskunde I - Drama und Tragödie Das Drama ist die...

August 25, 2011
“Man kann von der Klaustrophobie der Menschheit in der verwalteten Welt reden, einem Gefühl des Eingesperrtseins in einem durch und durch vergesellschafteten, netzhaft dicht gesponnenen Zusammenhang. Je dichter das Netz, desto mehr will man heraus, während gerade seine Dichte verwehrt, daß man heraus kann. Das verstärkt die Wut gegen die Zivilisation. Gewalttätig und irrational wird gegen sie aufbegehrt.”

—     Theodor W. Adorno: Erziehung nach Auschwitz. In: Theodor W. Adorno: Erziehung zur Mündigkeit, Suhrkamp 1971.

“Man kann von der Klaustrophobie der Menschheit in der verwalteten Welt reden, einem Gefühl des Eingesperrtseins in einem durch und durch vergesellschafteten, netzhaft dicht gesponnenen Zusammenhang. Je dichter das Netz, desto mehr will man heraus, während gerade seine Dichte verwehrt, daß man heraus kann. Das verstärkt die Wut gegen die Zivilisation. Gewalttätig und irrational wird gegen sie aufbegehrt.”

—     Theodor W. Adorno: Erziehung nach Auschwitz. In: Theodor W. Adorno: Erziehung zur Mündigkeit, Suhrkamp 1971.

(via lesmainsinnocent)

August 9, 2011
"Ob einer glücklich ist, kann er dem Winde anhören. Dieser mahnt den Unglücklichen an die Zerbrechlichkeit seines Hauses und jagt ihn aus leichtem Schlaf und heftigem Traum. Dem Glücklichen singt er das Lied seines Geborgenseins: Sein wütendes Pfeifen meldet, dass er keine Macht mehr hat über ihn."

— Theodor W. Adorno: Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben, Frankfurt am Main 1951, S. 54.

(Source: hankythewanky, via diesebastionbehrisch)

August 1, 2011
"[Der Antisemitismus] ist keine Doktrin, die man kritisieren kann, sondern eine Haltung, deren soziale Wurzeln so geartet sind, dass sie nach keiner Begründung suchen muss. Man kann ihm keine Argumente entgegensetzen, denn er ist unweigerlich mit solchen Reaktionsarten verbunden, denen jede Argumentation, also eine Denkform, fremd und verhasst ist. Er ist Antikultur und Antimenschlichkeit, Antitheorie und Antiwissenschaft. Davon hat sich jeder überzeugt, der Gelegenheit hatte, mit einem Antisemiten eine jener hoffnungslosen Diskussionen zu führen, die immer dem Versuch ähneln, einem Tier das Sprechen beizubringen."

Leszek Kolakowski: Die Antisemiten. Fünf Thesen, die nicht neu sind, und eine Warnung. In: ders.: Der Mensch ohne Alternative. Von der Möglichkeit und Unmöglichkeit, Marxist zu sein. München: Piper, 1967, S. 159-168 (S. 160f.)

15. August 2010

(via lizaswelt)

(via kotstulle)

July 22, 2011
"Die praktischen Ordnungen des Lebens, die sich geben, als kämen sie den Menschen zugute, lassen in der Profitwirtschaft das Menschliche verkümmern, und je mehr sie sich ausbreiten, um so mehr schneiden sie alles Zarte ab. Denn Zartheit zwischen Menschen ist nichts anderes als das Bewußtsein von der Möglichkeit zweckfreier Beziehungen, das noch die Zweckverhafteten tröstlich streift; Erbteil alter Privilegien, das den privilegienlosen Stand verspricht. Die Abschaffung des Privilegs durch die bürgerliche ratio schafft am Ende auch dies Versprechen ab. Wenn Zeit Geld ist, scheint es moralisch, Zeit zu sparen, vor allem die eigene, und man entschuldigt solche Sparsamkeit mit der Rücksicht auf den andern. Man ist geradezu. Jede Hülle, die sich im Verkehr zwischen die Menschen schiebt, wird als Störung des Funktionierens der Apparatur empfunden, der sie nicht nur objektiv eingegliedert sind, sondern als die sie mit Stolz sich selber betrachten."

Adorno - Minima Moralia [Struwwelpeter], S. 45

geschichte und zeit, nr. 20

(via dr0fn0thing)

(Source: lf)