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Ikonoklasmus und Bilderverbot
Aber, so ließe sich all dem entgegenhalten, ist denn der reformatorische Ikonoklasmus nicht gerade der Versuch einer Restitution des Bilderverbots, und sollte daher die Kritische Theorie, die aus dem jüdischen Bilderverbot ihren bedeutsamsten Impuls bezieht, dem Protestantismus nicht schon allein deshalb vor dem Katholizismus den Vorzug geben? Den Überlegungen Horkheimers, der sich dieser scheinbaren Affinität zwischen protestantischer Bilderfeindschaft und jüdischem Bilderverbot bewusst war, lässt sich entnehmen, dass der protestantische Bildersturm aus Sicht der Kritischen Theorie dem jüdischen Bilderverbot nicht näherkommt als eine dilettantische Parodie dem Original, geht es ihm doch gerade nicht um die Bewahrung des Anspruchs von Wahrheit im Modus der Unbildlichkeit, sondern um dessen Liquidation: »Der Protestantismus war die stärkste Macht zur Ausbreitung der kalten, rationalen Individualität. Vorher wurde im Bild des Kreuzes das Zeichen zugleich noch als Marterwerkzeug sinnlich unmittelbar angeschaut. Die protestantische Religiosität aber ist bilderfeindlich. Sie hat das Marterwerkzeug als unvertilgbaren Antrieb in die Seele des Menschen gesenkt, unter dem er nun die Werkzeuge der Aneignung von Arbeit und Lebensraum produziert. Die schlechte Verehrung der Dinge ist gebrochen und das Kreuz verinnerlicht, aber die Weltlichkeit, die dafür erstand, ist nun erst recht von den Dingen abhängig. Anstelle der Werke um der Seligkeit willen trat das Werk um des Werkes, (…) die Herrschaft um der Herrschaft willen; die ganze Welt wurde zum bloßen Material. (…) Von Leonardo führte kein anderer Weg zu Henry Ford als der über die religiöse Introversion.« (5/331)
Nur vulgärmaterialistische Deutungen suggerieren einen bloßen Widerspruch zwischen dem Beharren auf dem Vermögen der Vernunft und den theologischen Implikaten der Kritischen Theorie. Insofern Theologie antinominalistisch am Begriff und am Anspruch der Wahrheit festhält, begeht sie nicht von vornherein Verrat an den Intentionen der Aufklärung. Indem Marx postulierte, dass die Kritik der Religion die Voraussetzung aller Kritik sei, übersprang er gleichsam die konkrete Kritik an den einzelnen Bekenntnissen. Die Kritische Theorie geht in dieser Hinsicht skrupulöser vor. Indem sie die Konfessionen auf ihren zivilisatorischen Gehalt befragt, entgeht ihr ebensowenig, dass die Kritik der Religion dem Judentum als Bilderverbot und Monotheismus bereits innewohnt, die hebräische Bibel also selbst auf dem ältesten Impuls der Aufklärung beruht, wie auch, dass der katholische Antinominalismus dem emphatischen Bestehen auf der Wahrheit zumindest verwandt ist. Das Judentum indessen rangiert für Horkheimer geradezu als die Religion des Anti-Ressentiments: »Die unendlich verehrungswürdige Geschichte der Treue zum Bekenntnis im Angesicht von Hass und Verfolgung enthob die Juden des Ressentiments, das zutiefst die ihr Bekenntnis verratenden christlichen Massen erfüllt. Die relativ geringe Beteiligung der einzelnen Juden an Kriminalität ist eine der vielen Konsequenzen solchen Halts, eine andere die Fähigkeit zum Glück, in dem das Leid und die Trauer nicht vergessen sind.« (6/411)
In dem Unterschied zwischen jüdischem Bilderverbot, protestantischem Ikonoklasmus und katholischem Bilderreichtum reflektiert sich die verschiedene Haltung aller drei Bekenntnisse zum Eros. Dass die protestantische Bilderfeindlichkeit mit Verachtung profaner Sinnlichkeit einhergeht, deren Ansprüche das Judentum achtet wie keine andere Religion und der vom Katholizismus als Widerschein von Transzendenz immerhin ein gewisses Eigenrecht zuerkannt wird, hat besonders genau Max Weber gesehen, wenn er über Faust, der für ihn die gültige Verkörperung protestantischen Geistes ist, schreibt: »Die Behandlung Gretchens als einer Prostituierten und die Gleichwertung des mächtigen Waltens menschlicher Leidenschaften mit dem Geschlechtsverkehr gesundheitshalber, – dies beides entspricht durchaus dem puritanischen Standpunkt.« (11) Folgt man Weber, hat die Inferiorität des Protestantismus in erotischen Dingen programmatischen Charakter: »Die Berufsaskese muss jegliche Raffinierung zu einer Erotik ablehnen. Ihrerseits bezieht sie gerade die urwüchsig naturale, bäuerlich unsublimierte Geschlechtlichkeit in eine rationale Ordnung des Kreatürlichen ein: Alle ›Leidenschafts‹-Bestandteile aber gelten dann als Residuen des Sündenfalls.« (ebd.) Bereits Nietzsche, dem der lustfeindliche Charakter des Protestantismus aus seiner Familie vertaut war, hat das Wesen von Luthers Reformation wie folgt bestimmt: »Definition des Protestantismus: die halbseitige Lähmung des Christentums – und der Vernunft.« (12) In der Reformation und ihrer Verachtung der sinnlichen Erscheinung witterte er ein fatales Bündnis mit allem bloß Naturwüchsigen: »Die Reformation: Eine der verlogensten Eruptionen von gemeinen Instinkten (…). Luther der psychologische Typus: ein wüster und uneigentlicher Bauer, der mit der ›evangelischen Freiheit‹ allen aufgehäuften und gewalttätigen Bedürfnissen Luft macht.« (13)
Im Christentum triumphierte Enthaltsamkeit in dem Maße, in dem die eschatologischen Hoffnungen erstarben. Vielleicht hat der Antisemitismus die Juden deshalb dort als triebhaft diffamiert, wo sie noch genussfähig waren, da der eschatologische Glutkern des Judentums niemals erloschen ist, während die Christen das Vorziehen der messianischen Erlösung mit dem Schwund der Erwartung bezahlten. Noch die libertine Erotik des 18. Jahrhunderts feierte die Verführung als eine der letzten zeremoniellen Formen, die inmitten der nachreformatorischen Welt überlebt hatten. Die abgründigen Phantasmagorien des Marquis de Sade, die Verworfenheit und Enthaltsamkeit zusammenführen, unterhalten gerade in ihrem häretischen Gestus eine innige Verbindung mit dem katholischen Ritual, wie Horkheimer und Adorno in der »Dialektik der Aufklärung« ausführen: »Juliette (…) vergottet die Sünde. Ihre Libertinage steht unter dem Bann des Katholizismus wie die Ekstase der Nonne unter dem des Heidentums.« (5/129) Die Libertinage ist Spielart eines säkularisierten Katholizismus, dessen rituelle Formen den Naturzwang zivilisieren. Nichts hätte der Reformation, die ganz im Zeichen weltlichen Konformismus und unerbittlicher Triebunterdrückung steht, ferner liegen können.
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