September 26, 2011
Distinktion und Entgrenzung: Der Hipster als Sozialtypus (von Robert Zwarg; auf Beatpunk, 09/2011)

[…] Der Hipster ist ein Phantom der westlichen Metropolen. Linke Sozialwissenschaftler und ein kulturaffines Feuilleton versucht ihm verzweifelt Herr zu werden.4 Kaum jemand möchte dazugehören, doch alle kennen sie ihn; deswegen ist »Hipster« zunächst und vor allem ein Distinktionsbegriff. Auf Dutzenden Blogs, Stickern und Graffitis schlägt dem Hipster ein Ressentiment entgegen, das überrascht. So rät ein sogenanntes Berliner »Szenemagazin« seinen Lesern: »Niemals, niemals, niemals, darf man sich selbst als ’Hipster’ oder ’Scenester’ bezeichnen. Hipster müssen für den krampfhaften Versuch, ’cool’ oder ’in’ sein zu wollen, verachtet und verurteilt werden, da jeder Versuch auf das Defizit in ihrer Authentizität hinweist.«5 Eine falsche, ja, geheuchelte Individualität, eine simulierte Originalität werfen ihm jene vor, die im Sozialen wie im Kulturellen auf der Suche nach Ursprünglichkeit zu sein scheinen. Abneigung erfährt auch sein ausgeprägtes Spezialisten‑ und Geschmäcklertum. Als eine solche Negativfolie und Hassobjekt zeugt der Hipster vom Verfall der Subkulturen in den Metropolen. Die Kritisierenden und die Kritisierten – unterstellt man einmal, das beim Hipster der humanistische Wunsch jemand zu sein, tatsächlich vorhanden ist – behaupten und verteidigen, was die Kulturindustrie längst geschluckt hat. Was das Besondere verbürgen soll, ist vor allem der eklektische Rückgriff auf die Vergangenheit.

Dies geschieht allerdings nicht, weil Elemente der Tradition tatsächlich als der Rettung würdig befunden werden. Vielmehr erfolgt der Rückgriff, das modische Spiel mit dem Stil, vor allem vermittels der Kernattitüde der Postmoderne: der Ironie. Von außen betrachtet symbolisiert der Hipster den Beginn des 21. Jahrhunderts als Beliebigkeit und Entgrenzung. Im Fashion-Patchwork verschwimmt der Stil, der einst eine soziale Klasse markierte, um zur neuen Mode einer gebeutelten Mittelschicht zu werden. Plötzlich zieren sich die spätgeborenen Kinder mit dem Chic südstaatlerischer Rednecks: Truckermütze, metallne, großformatige Gürtelschnallen, Flanellhemd, Shirts von möglichst unbedeutenden Provinzcolleges oder kleinen Betriebe des mittleren Westens. In ironischer Äquidistanz dominiert eine ästhetische Androgynisierung. Nur in einem duldet der Hipster keine Ironie, in den Fragen des (vornehmlich Musik)Geschmacks.

Das ästhetische Kokettieren mit der Mode einer längst verschwundenen Arbeiterklasse reibt sich an der tatsächlichen Stellung des Hipsters zum Produktionsprozess. Waren Flaneur und Dandy – jene Figuren eines aufstrebenden und selbstbewussten Bürgertums, die Walter Benjamin so eindrücklich beschrieben hat–, noch der zum Sozialtypus geronnene Protest gegen die Produktivität, sind die Hipster des 21. Jahrhunderts einsame Konkurrenten um die letzten Anteile an einer sich verflüchtigenden Arbeitswelt. Die historische Bohème beruhte auf der durch Wohlstand freigewordenen Zeit für sich und für andere und stellte durch ihren offensiv präsentierten Müßiggang den Gegenpart zur aufstrebenden Bourgeoisie dar. Die Digitale Bohème, mit der der Hipster häufig assoziiert wird, war von Anfang an ein mehr oder minder effektiv verkleidetes Krisenphänomen. Weil ihnen wie so vielen anderen in jedem Moment der Absturz droht, stellen sie sich in ihrer Formbarkeit und Anschmiegsamkeit ganz in den Dienst der Produktion; nur darf es nicht so aussehen. Dass im Café arbeitet, wer sich kein Büro leisten kann oder wer auf den fragwürdigen Status des Freiberuflers zurückgeworfen ist, der üblicherweise mit einem kaum mehr zu bremsenden Ineinanderfallen von Arbeit und Freizeit bezahlt wird, verschwindet hinter dem Unabhängigkeitspathos der digitalen Bohemiens. Dass die Spiesser-Redakteurin sich dies nur durch Schmarotzertum erklären kann, zeigt nur, dass es ihr scheinbar nicht anders geht.

Als Phänomen einerseits und als Negativfolie anderseits befindet sich der Hipster einer ökonomisch-subjekttheoretischen Schnittstelle und nur das macht ihn eigentlich interessant: Als Objekt des Ressentiments und des Spotts führt der Hipster unweigerlich den Verfall von Individualität vor Augen. Der Hass auf dem Hipster scheint der Ahnung zu entspringen, dass gleichsam niemand mehr jemand ist, weswegen die unterstellte Pose des Hipsters umso mehr aufreizt. Er selbst ist nicht minder ein Sozialtypus in der Defensive, ein Kompensationsprodukt. Denn wo ökonomisch prekäre Verhältnisse sich immer mehr verallgemeinern und die Menschen einander immer mehr angleichen, dort bleibt dem Subjekt wenig mehr als die Pflege dessen, was gesellschaftlich irrelevant ist, seinem Geschmack. Dabei handelt es sich nicht nur um einen letzten Versuch, Individuum zu sein, sondern auch um die Hoffnung, gerade ein ausgeprägter Geschmack und die entsprechenden Sekundärtugenden Flexibilät, (Selbst)Organisationstalent und ein zielsicheres Manövrieren durch den Dschungel des Underground mögen schließlich die Pforten öffnen zu einer finanziell abgesicherten Existenz; nämlich im Business von Medien, Mode und Musik. […]