November 27, 2011
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Er hält der Gesellschaft nicht die Moral entgegen; bloß ihre eigene. Das Medium aber, in dem sie sich überführt, ist die Dummheit. An ihr erweist er, wie wenig die Gesellschaft es vermochte, in ihren Mitgliedern den Begriff des autonomen und mündigen Individuums zu verwirklichen, den sie voraussetzt. Vom Moralisieren ist er entbunden, weil er darauf deuten kann, wie jegliche Gemeinheit als Schwachsinn anständiger Leute sich durchsetzt, Index seiner eigenen Unwahrheit. Darum auch die Witze; sie konfrontieren den herrschenden Geist mit seiner Dummheit so unmittelbar, daß ihm das Argumentieren vergeht und er geständig wird als das, was er ist.
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Das stärkste Mittel jedoch, mit dem Kraus die Richter richtet, ist das strafende Zitat, nicht zu vergleichen dem Beleg für irgendwelche Vorwürfe. Das Kapitel ,Ein österreichischer Mordprozeß’ reiht auf vier Seiten wörtlich kommentarlos Stellen aus der Verhandlung gegen eine des Totschlags Bezichtigte aneinander. Sie übertreffen jede Invektive. Sein Sensorium muß so früh wie 1906 vorausgefühlt haben, daß vorm Maß der subjektiven Unmenschlichkeit in der objektiv verhärteten Welt das subjektive Zeugnis wider sie versagt; nicht minder aber auch der Glaube, die Tatsachen sprächen rein gegen sich. Kraus ist mit dem Dilemma genial fertig geworden. Seine Sprachtechnik hat einen Raum geschaffen, in dem er ohne etwas dazu zu tun, Blindes, Intentionsloses und Chaotisches strukturiert wie ein Magnet eisernen Abfall, der in seine Nähe gerät.

Ganz konnte diese Fähigkeit von Kraus, für die es kaum ein anderes Wort gibt als das peinliche ‘dämonisch’, nur ermessen, wer noch die originalen roten Hefte der ‘Fackel’ las. Dort reichte schließlich das bloße Zitat eines Namens hin, verzweifeltes Lachen auszulösen. Noch im Buch ist etwas davon übriggeblieben. Wenn heute die Scham des Wortes vor einem Grauen, welches überbietet, was Kraus in trivialen Sprachfiguren vorausfühlte, bei literarischen Darstellungen zur Montage sich gedrängt sieht, anstatt Unsagbares vergeblich zu erzählen, so tastet das nach der Konsequenz dessen, was Kraus gelang. Er ist vom Schlimmeren nicht überholt, weil er im Mäßigen das Schlimmste erkannte, und indem er es spiegelte, es enthüllte. Mittlerweile hat sich das Mäßige als das Schlimmste erwiesen; der Spießer als Eichmann; der Erzieher, welcher die Jugend anhärtet, als Boger.

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Theodor W. Adorno über Karl Kraus: “Sittlichkeit und Kriminalität”

(Source: spiegel.de)

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