Bei allen damals hochkochenden Debatten war Pohrt nicht fern. Als Broder 1984 von
Alice Schwarzer als “militanter Jude” stigmatisiert wurde, mit dem kein Mitglied der
Emma-Redaktion Kontakt haben durfte, regte Pohrt die Herausgabe einer Anthologie an
“über das Verhältnis der Linken zum Antisemitismus”, in der - wäre das Buch zustande
gekommen - die besten und verhaßtesten Polemiker der Zeit versammelt gewesen
wären: Pohrt, Schultz-Gerstein, Broder und Eike Geisel. Es gab jedoch genügend andere
Anlässe und Gelegenheiten, sich mit diesem Problem zu befassen, welches darin bestand,
daß die Linken “weder den Nationalsozialismus noch Auschwitz begriffen hatten,
weil sie ersteren mit einem besonders tyrannischen Regime und letzteres mit einem
besonders grausamen Blutbad verwechseln (und) deshalb haben sie die Hoffnung nicht
aufgegeben, das Unrecht, welches sie anderswo entdecken, könne Deutschland
entlasten.” Bei den Linken, deren Liebe zu den Palästinensern besonders heftig brannte,
ließ sich diese Entlastung für Deutschland besonders schön beobachten: “Dreihundert von
der südafrikanischen Polizei in Soweto erschossene Schüler kümmern niemand. Drei
erschossene Schüler in Hebron machen die westdeutsche Linke vor Empörung fassungslos.
Die Unterdrückung und Verfolgung der Palästinenser durch Israel wird so genau
beobachtet und so leidenschaftlich angeprangert, weil sie beweisen soll: es gibt keinen
Unterschied.” Dieses Nicht-Begreifen der deutschen Geschichte leistete einem Denken
Vorschub, welches jedes Massaker, das einem politisch in den Kram paßte, mit Auschwitz
gleichsetzte, um unter der Flagge von Humanität und Menschenrechten staatliche
Souveränität mißachten und Kriege anzetteln zu können. Die deutsche Linke hatte dafür
die Argumente geliefert, die die rot-grüne Regierung im Bürgerkrieg in Jugoslawien nur
noch zu übernehmen brauchte.
Am 1. November 1983 hielt Pohrt im großen Saal der Berliner “Akademie der Künste”
vor ca. tausend Zuhörern einen Vortrag über den “Krieg als wirklichen Befreier und
wahren Sachwalter der Menschlichkeit”. Anschließend gab es eine Diskussion mit dem
Friedensbewegten Fritz Vilmar und dem ehemaligen Frankfurter Sponti und RK-Mitglied
Thomas Schmid, der heute als konservativer Leitartikler die Öffentlichkeit vor linken
Irrtümern warnt. Das Publikum war so gespalten wie das Podium, und Pohrt war in
seinem Element. Die heftigen Reaktionen ließen ihn zur Höchstform auflaufen, und je
mehr es im Saal brodelte, desto spöttischer und beißender wurden seine Diskussionsbeiträge.
Nichts war ihm unangenehmer als eine regungslos dasitzende Zuhörerschaft, und
deshalb begann er jeden Vortrag, den er immer nur einmal hielt, mit einer auf die
Veranstalter und die Themenstellung gemünzten provozierenden Anmerkung, um gleich
etwas Leben in die Bude zu bringen. Das setzt jedoch immer ein Publikum voraus, das
uneins ist und sich zumindest teilweise auf die Seite Pohrts schlägt.
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