February 19, 2011
"Digitale Medien, insbesondere natürlich das Internet, erleichtern den Zugang zu verbindenden Strukturen: mehr Kontakte, mehr Musikdateien, mehr Filme, mehr Nachrichten. Und nicht nur wird alles mehr, sondern vor allem auch schneller. Nichts ist prinzipiell gegen diese Möglichkeiten einzuwenden. Weder müssen viele Kontakte noch eine große Anzahl an verfügbaren Informationen unglücklich machen. Und doch stellen digitalisierte Formen der Kommunikation auch eine Gefahr dar. Denn ihre schier unermessliche Fülle lässt die Auswahl des richtigen Zielobjekts, sei es ein interaktiver sozialer Kontakt, sei es eine Musikdatei, immer willkürlicher werden. Nicht die Beschäftigung mit dem Kontakt selbst, sondern dessen Auswahl in der unendlichen Masse an Verlockungen wird immer wichtiger. Ein solches Rosinen-Picken fördert das, was der Psychoanalytiker Erich Fromm den Modus des Habens genannt hat: eine Geisteshaltung, die sich auf materiellen Besitz, Gewinnsucht, Macht und Aggression, Gier, Neid und Gewalt gründet. Der Haben-Modus ist für Fromm der Inbegriff der seit dem Mittelalter im Menschen immer stärker zum Vorschein kommenden Lust an der Expansion. Im zwischenmenschlichen Bereich offenbart sich das aktive Haben-Wollen dabei paradoxerweise besonders in passiv erlebten Zuständen. Weil es nicht möglich ist, den anderen zu besitzen, der Mensch aber zugleich ahnt, dass in der Zuneigung anderer Menschen ein hohes Maß an Lebensqualität verborgen liegt, versucht der Mensch im Haben-Modus besonders liebenswert zu sein, um die Gunst seiner Mitmenschen zu erwerben. Dating-Portale im Internet haben deshalb immer den faden Beigeschmack eines modernen Sklavenmarktes, bei dem sich Sklavenhändler und Sklaven in einer Person anderen gleichermaßen gestrickten Personen gegenüberstehen. Doch auch wo es nicht um soziale Kontakte im engeren Sinne geht, kann der Fromm’sche Seins-Modus, Antipode des Haben-Modus und Inbegriff schöpferischer Tätigkeit, bei digitalen Medien schnell auf der Strecke bleiben. Das hängt allerdings sehr vom individuellen Umgang mit entsprechenden Medien ab. Wie bei sozialen Kontakten kommt es in erster Linie auf die Einstellung, die Qualität des individuellen Umgangs mit dem Bezugsobjekt an. Nur durch eine zugewandte, aktive, ja liebevolle Form der Beschäftigung mit dem anderen kann es zu tieferen kulturellen Erlebnissen kommen: Man verliert sich in der Musik; man verschlingt ein Buch; man liebt einen Menschen… Im Ritual wird der kurze Moment ewig. In der Konzentration auf das Gegenüber sprengt der Einzelne den Kreis der Isolation, weil andere Möglichkeiten des Kontakts ausgeblendet werden, weil Qualität Quantität überlagert. Nicht aus der Menge der einen umgebenden Bezugsobjekte erwächst die Möglichkeit der Überwindung der ursprünglichen Isolation; Verbindungen sind haltlos, wenn sie ein passives Netz der Beliebigkeit sind. Erst durch die Auswahl einzelner Bezugsobjekte in komplexen Strukturen und durch ihre Aktivierung in bewussten Prozessen kann sich ein stabiles Drittes im Austausch entwickeln: Ein Gefühl, welches sich durch eine Melodie hervorrufen lässt; Gedanken, die sich durch eine Idee ordnen lassen; soziale Kontakte, die Beziehungen entstehen lassen. Aus dem Einzelnen und seinem Bezugsobjekt geht etwas größeres hervor als die Summe seiner Kontakte beschreiben könnte. Qualität vor Quantität, Aktivität vor Passivität – welcher Art auch immer eine Form der Kommunikation sein mag, sie muss einen Beitrag zur Überwindung der durch das Denken entstandenen Trennung des Menschen von seiner Umwelt leisten können. Wenn Tauschbörsen, Facebook und Dating-Portale bei der Verfolgung dieses Ziels einen Beitrag leisten können, dann her damit…"

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