"Der Doppelsinn von Luciles “Wir müssen’s wohl leiden”, das wie nebenbei die Identität von Affirmation und Qual benennt, ist den sei es libertär-hedonistischen, sei es asketisch-leninistischen Danton-und-Robbespierre-Simulanten heutiger Tage nicht einmal spurenweise gewärtig. Weil sie niemals niedergesunken sind, um sich die Augen zu verhüllen vorm gleißenden Schmerz der Realität, und nie die Sehnsucht überwinden mussten, einfach nicht mehr aufzustehen, um alles das nicht länger “leiden” zu müssen, delirieren sie vom “kommenden Auftsand” wie vom Messias, dessen versprechen sie sich mit jenem endgültig vom Halse schaffen wollen. “Der Messias” nämlich so bringt Franz Kafka den feinen, aber entscheidenden Unterschied zwischen messianischem und apokalyptischem Denken auf den Punkt, “wird erst kommen, wenn er nicht mehr nötig sein wird, er wird erst nach seiner Ankunft kommen, er wird nicht am letzten Tag kommen, sondern am allerletzten.” Er wäre kein Prophet des apokalyptischen Umschlags von Untergang in Erlösung, sondern der erste Gast einer befreiten Menschheit, die selbst dafür gesorgt hat, dass er “nicht mehr nötig” ist, indem sie sich der todessüchtigen Hoffnung auf den “letzten Tag” im Namen des “allerletzten” entschlug, der zugleich der erste Tag jener Menschheit wäre. Hätte sie den Messias “nötig”, er würde sich ihr nicht zeigen, so wie man sich nur Menschen schenken kann, die einen nicht aus Not, sondern aus Freiheit begehren."
— Magnus Klaue: Nichts stockt. Über den “kommenden Aufstand” und die Notwendigkeit, ihn zu verhindern; in: Bahamas Nr. 61
(via letatetmoi-deactivated20110408)
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