May 5, 2011
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Der einzig angemessene Ort für den Streit zwischen Optimisten und Pessimisten ist der Stammtisch, ihre adäquate Kommunikationsform der Feierabend­tratsch. Ob die Welt dabei in Rosa gemalt wird oder in Schwarz, ist völlig egal, solange man sich die gegenteilige Meinung des anderen als letztgültige Bestätigung der eigenen tumben Selbstgewissheit gutschreiben kann. Pessimisten und Optimisten können miteinander über alles reden, ohne jemals an der Triftigkeit ihrer unermüdlichen Besserwisserei zu zweifeln. Gesellt sich dann noch ein Vertreter des Mittelwegdenkens zu ihnen, der jeder Partei zustimmt und lediglich ihre Einseitigkeit rügt, fühlen sich alle bestätigt und können, einig im Streit, zufrieden nach Hause gehen.
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Denken kann per definitionem weder optimistisch noch pessimistisch sein, sondern kommt im Pessimismus wie im Optimismus an sein Ende. Movens allen Denkens sind Leiden und Hoffnung: Wie Leiden auf die Notwendigkeit seiner Aufhebung verweist, so die Hoffnung auf die Vorherrschaft des Leidens. Denken selbst ist im Grunde nichts anderes als die Entfaltung dieses Widerspruchs.
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In Zeiten, in denen die letzten Reste bürgerlicher Öffentlichkeit entweder verschwunden sind oder nur als störender Anachronismus wahrgenommen werden und der Widerspruch, auf dem die Skepsis beharrte, nicht mehr kollektiv bewusst gemacht werden kann, wird auch die Differenz zwischen Negativität und Pessimismus kassiert. Deshalb existieren heutzutage keine Schopenhauerianer mehr, sondern allenfalls deren am unerträglichen Weltzustand herumnörgelnde Karikaturen, wie sie in den Romanen und Theaterstücken Thomas Bernhards am prägnantesten dargestellt wurden. Deshalb auch unterscheidet das gegenwärtige Alltagsbewusstsein über alle politischen Fronten hinweg nicht mehr zwischen Aufklärern, Skeptikern, Kritikern und Ideologen, sondern nur noch zwischen Mitmachern und Miesmachern.

Wem irgendetwas, aus wie guten Gründen auch immer, nicht passt, der gilt als schwieriger Charakter; wem aus noch besseren Gründen das Allermeiste nicht passt, der gilt als Defätist. Wer die leere Betriebsamkeit seiner fröhlich verblödeten Mitmenschen mit dem Hinweis auf die Sinnlosigkeit ihrer Aktivität für nichtig erklärt, heißt »Kulturpessimist«, wem dabei womöglich noch anzumerken ist, dass ihm die wie auch immer vage Vorstellung von Versöhnung nicht ganz hat ausgetrieben werden können, dem wird »Bürgerlichkeit« vorgeworfen. Der historische Sinn der Begriffe hat sich derart verkehrt, dass es fast hoffnungslos anmutet, an ihre Genese zu erinnern: Wem das Leben, wie es ist, nicht als letztgültig, sondern als unbefriedigend erscheint, dem wird Konservatismus unterstellt; wer die Welt in ihrer Schlechtigkeit und die Menschen in ihrer Banalität nimmt, wie sie sind, heißt progressiv. Kritik hat nicht mehr nur in leninistischen Kaderparteien, sondern in jeder politischen Bastelgruppe von Attac bis zum antinationalen Jugendverein »konstruktiv« zu sein, wie umgekehrt jede hektische Produktivität als »kritisch« gilt. Aus jedem ungebundenen Impuls wird ein Beruf gemacht: Idiosynkratische Menschen werden in linken Wochen- und bürgerlichen Tageszeitungen gleichermaßen bereitwillig als »Polemiker« geparkt, während jene, die über das Talent verfügen, alle abzuholen, wo sie stehen, den Rest besorgen müssen. Und wenn immer mal wieder von der »kapitalistischen Gesamtscheiße« die Rede ist, in der wir alle steckten, kann man sicher sein: Hier spricht kein Kritiker, sondern ein Konformist.
In der Scheiße zu stecken, das können Optimisten wie Pessimisten bestätigen, macht nämlich nicht widerständig und klug, sondern bräsig und dumm: Man wird warm gehalten, und an den Gestank gewöhnt man sich bald. Der Registerwechsel vom kritischen Begriff zur vulgären Phrase dient nicht der Agitation, sondern indiziert das Einverständnis mit dem, wogegen man in pubertärem Gestus aufmuckt. Die Rede von der »Gesamtscheiße« benennt nicht den Verblendungszusammenhang, sondern ist selbst dessen Symptom. Sind es nun Geschichtspessimisten oder Geschichtsoptimisten, die so reden? Beides in Personalunion: Alles scheiße zu finden, heißt immer auch, sich für besser zu halten als die Scheiße, in der man steckt, und folglich für berufen, mächtig darin herumzuquirlen, damit es weiter mollig bleibt. Der Lümmel von der letzten Bank, der nach seinem Schulabschluss als Erster mit allen Lehrern, die er gestern noch foppte, auf Du und Du ist und bequemer im bürgerlichen Leben ankommt als der Außenseiter, den alle immer nur dröge und hässlich fanden, weiß das aus eigener Erfahrung. Und da wir nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen, wiederholt sich die Schule jeden Tag. Negativem Denken bleibt demgegenüber nur eine Möglichkeit: die Menschen, ohne Hochmut und allein um ihrer selbst willen, daran zu erinnern, dass sie von der Scheiße, in der sie stecken, manchmal nur schwer zu unterscheiden sind.

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— Magnus Klaue: Alles scheiße außer ich; In: Jungle World Nr. 1, 6. Januar 2011

(Source: shape)